Die verlorene Fitze[Drucken / PDF]

Liebe Kinder, ich will euch einmal erzählen, was mir vor ein paar Jahren passierte.

Es war am Abend vor dem St. Niklaustag. Ich sass in meiner Stube und ruhte mich noch ein wenig aus, denn ich hatte an den Tagen zuvor viel Arbeit. Ich musste alles für die Besuche bei den Kindern vorbereiten und viel backen. "Am besten schau ich nochmals nach, ob ich auch wirklich alles habe", sagte ich zu mir. Doch, doch, ich war zufrieden. Die Äpfel glänzten, die Nüsse waren schön trocken, und aus dem Sack roch es fein nach Lebkuchen und Tirggel. Fehlte wirklich gar nichts mehr?

"O nein auch, wo war denn meine Fitze?" kam es mir auf einmal in den Sinn. Die durfte natürlich nicht fehlen. Ich untersuchte meinen Sack nochmals ganz genau. Sonst war doch meine Fitze immer zuoberst, damit ich sie schnell zur Hand hatte. Aber ich fand sie einfach nirgendwo. Ich suchte in allen Ecken meiner Stube, aber die Fitze kam einfach nicht zum Vorschein. "Wo könnte sie denn um alles in der Welt noch sein?" fragte ich mich. War sie am Ende gar unter das Holz zum Anfeuern geraten? Dann wäre sie jetzt sicher im Ofen gewesen und ganz verbrannt, denn ich hatte im Kachelofen wie immer im Winter ein gemütliches Feuer. Auf jeden Fall konnte ich suchen und suchen, so lange ich wollte, die Fitze kam nicht zum Vorschein. "Das ist aber schon noch dumm", dachte ich. Aber was wollte ich auch nur tun? Schliesslich ging ich eben doch schlafen, denn es stand ja ein strenger Tag bevor, und ich musste früh aufstehen. Ich ging nur noch schnell in den Stall, um dem Eselchen Gute Nacht zu sagen. Und ein kleines bisschen hoffte ich natürlich, ich finde die Fitze im Stall, aber leider war sie dort auch nicht.

Früh am nächsten Tag zog ich einen warmen Mantel und warme Handschuhe an, schlüpfte in meine schweren Stiefel und band dem Eselchen den Sack auf den Rücken. (Dieses Eselchen kann leider heute nicht mehr mitkommen, weil es ein wenig altersschwach geworden ist. Zum Glück aber habe ich ja einen so starken Schmutzli, der für mich den schweren Sack schleppt.) Sogar die Laterne musste ich an diesem Morgen noch anzünden, weil es im Wald noch ein wenig dunkel war.

Als wir schon ein Stück weit unterwegs waren, kam es mir wieder in den Sinn, dass ich ja gar keine Fitze hatte. Jetzt hätte ich eigentlich im Wald noch schnell eine neue basteln können, aber weil es in der Nacht geschneit hatte, war alles Holz zugedeckt. Ich plauderte ein wenig mit meinem Eselchen, wie ich das oft mache auf einem langen Weg. Ich fragte es: "Was meinst du, liebes Eselchen, kann ich wohl ohne Fitze zu den Kindern gehen? Waren sie wohl brav genug?" - "Iaaa", antwortete darauf das Eselchen. Ich traute aber der Antwort des lieben Tieres nicht so ganz und sagte: "Was denken auch die Kinder von mir? Vielleicht glauben sie es mir nicht einmal, dass ich der rechte Samichlaus bin. Was soll ich jetzt tun?"

Das hörten auch die Bäume im Wald, die auf beiden Seiten des Weges standen. Sie kannten mich gut und verstanden auch meine Sprache. Sie hätten mir gerne geholfen. "Schau, Samichlaus", rief eine hohe Tanne, "nimm doch einen meiner untersten Zweige! Den kannst du als Fitze gebrauchen." - "Warum nicht", dachte ich und brache einen solchen Zweig ab. Kurz darauf kam ich bei einem Vogelbeerbaum vorbei. Die roten Beeren leuchteten schon von weit her. "Nimm dochauch einen von meinen Zweigen", schlug mir der Baum vor. "Warum auch nicht?" sagte ich, "das sieht sicher lustig aus, eine Fitze mit roten Beeren." Nach ein paar weiteren Schritten kam ich zu einem Strauch, an dem man schon ganz viele kleine Knospen sah. Die warteten auf den Frühling, um dann aufzugehen und Blätter zu werden. "Nimm auch von meinen Zweigen!" rief der Strauch, und ich tat ihm den Gefallen gerne. "So, nun brauche ich nur noch einen Bändel, um die Fitze zusammenzubinden",sagte ich jetzt zu mir. Der Esel hörte das. "Nimm doch einfach ein Stück von meinem Leitseil", sagte er, "ich gehorche dir dann trotzdem noch!" Ich so machte ich es auch. Ich band die drei Zweige fest zusammen, hielt sie vor mich hin und schaute sie an. "Ist das jetzt eine Fitze?" dachte ich. "Mir kommt es vor, als wäre das doch eher ein Strauss!" Jawohl, ein wunderschöner Winterstrauss war das! Mit diesem wollte ich viel lieber jemandem eine Freude machen und nicht so tun, als wäre das eine Fitze. Schon bald kam eine Gelegenheit dazu. Als ich aus dem Wald herauskam, sah ich ein kleines Hüttchen. Dort drin wohnten zwei alte Leutchen, die gerade in der Küche am Essen waren. Leise legte ich den Strauss auf den Fenstersims. "Sie werden ihn schon finden", dachte ich, Und dann ging ich weiter und weiter auf dem Weg, bis ich am Abend zu den Kindern kam. Diesmal eben ohne Fitze. Aber ich glaube, die Kinder waren deswegen nicht traurig, oder? Und die alten Leutchen hatte sicher eine grosse Freude am schönen Winterstrauss. Als ich nämlich am Abend auf dem Heimweg war, sah ich durch das Fenster, wie sie ihn in eine Vase gesteckt und mitten auf den Küchentisch gestellt hatten. Es machte mich richtig glücklich, dass ich an diesem Tag nicht nur jungen, sondern auch alten Menschen eine Freude machen durfte.